Weitere Geschichten

Warum steht eigentlich ein Papstpalast in Avignon?

Reportage
In App öffnen
Teilen
Merken
Meine Karte

Der Papst lebt in Rom. Da hat er schon immer gelebt. Da gehört er hin. Rom und der Papst gehören zusammen wie Wandern und Berge oder Fußball und Bier. Wo soll er denn auch sonst hin? Außerdem besitzt er mit dem Vatikan einen eigenen kleinen Staat mitten in der „ewigen Stadt“. Es ist daher recht verwunderlich, wenn man in der wunderschönen Provinzstadt Avignon plötzlich vor einem beeindruckenden Papstpalast steht. Wer hat den denn bitte dahin gebaut? Was soll denn der Papst in der Provence?

Eine Burg für Päpste

Er steht da wie eine stattliche Ritterburg. In dem sonst so romantischen und idyllischen Anblick der Provence stechen die höher gelegenen grauen Fassaden des Palastes markant hervor.

Museum · Vaucluse

Papstpalast (Palais des Papes)

Museum Der Papstpalast in Avignion
Vaucluse
Zwischen 1335 und 1430 residierten die Päpste und später Gegenpäpste in Avignon. Der Papstpalast ...
von Thomas Rasch,  Outdooractive Redaktion

Der Festungsbau mit seinen zig Schießscharten, Pechnasen und dem generell sehr abwehrenden Charakter bietet einen klaren optischen Gegensatz zum architektonisch und künstlerisch geradezu verschnörkelten Petersdom in Rom. Einzig das schlossartige Innere und der wunderschöne Garten erinnern an den einstigen Prunk des „Palais des Papes“. Der massive Bau, der aus einem Neuen und einem Alten Palast besteht, ist sehr verschachtelt – ein Zeugnis davon, dass er mehr oder weniger aus heiterem Himmel gebaut wurde.

 

Der Papst zieht um

Während zahlreicher Machtspiele in ganz Europa über den Universalanspruch des Papsttums, stieg Frankreich im 13. Jahrhundert stetig zur stärksten Macht Europas auf und wusste diese gut zu nutzen. Vor allem Philippe IV. von Frankreich übte ungemeinen politischen Druck auf das Pontifikat Bonifatius VIII. aus. Die französische Krone sorgte dafür, dass immer mehr Kardinäle französischer Herkunft waren und mit Clemens V. stieg schließlich auch ein Franzose auf den Heiligen Stuhl. Der gute Freund des Königs ließ sich dann prompt in Lyon krönen und nicht (wie seit Jahrhunderten üblich) in Rom. 1309 verlegte er die päpstliche Residenz nach Avignon – auch bekannt als das babylonische Exil der Kirche.

Avignon, Palais des Papes

Nun saß der Papst also im schönen Avignon. Allerdings fehlte ihm (und seinen Nachfolgern) eine würdige Behausung. Ein Palast musste her und zwar schleunigst. Und so verwandelten die Päpste von Avignon das charmante Provinzstädtchen kurzerhand in „die größte Baustelle des Jahrhunderts“. Während Papst Johannes XXII. den Sitz des Bischofs von Avignon umbauen ließ, riss sein Nachfolger den Bau sofort wieder ab und erteilte den Bau des heutigen Alten Palastes (Palais-vieux). Papst Clemens VI. fügte dann den Anbau des Palais-neuf hinzu, den Neuen Palast.

Rom oder Avignon?

Papst Gregor XI. wird von der Heiligen Katharina von Siena 1377 zurück nach Rom begleitet

Insgesamt residierten neun Päpste im Palais des Papes – vier von ihnen allerdings als Gegenpäpste. Als Reaktion auf die zunehmende Einflussnahme französischer Interessen, die dadurch entstandenen Konflikte und die vielen Feinde des Papsttums, veranlasste Gregor XI. die Rückkehr nach Rom. Aber das Unheil war nicht mehr abzuwenden. Die Rückkehr des Papstes nach Rom läutete das Abendländische Schisma ein, eine zeitweilige Glaubensspaltung der lateinischen Kirche mit konkurrierenden Papstansprüchen. Somit gab es zwischen 1378 und 1417 sowohl einen Papst in Rom als auch einen Papst in Avignon.

Die Festspiele von Avignon

Heute leben die Päpste längst wieder in Rom, aber der Papstpalast steht nach wie vor in Avignon. Inzwischen hat sich die Provence zu einem der beliebtesten Urlaubsziele Frankreichs gemausert. Die lässige südfranzösische Lebensweise, der gute Wein, das hervorragende Essen, die zirpenden Grillen, das erholsame Klima, der angenehme Lavendelduft – wer einmal in der Provence war, der kehrt immer wieder gerne zurück. Und wer schon einmal hier ist, den zieht es nach Avignon. Die kleine Stadt an der Rhône hat sich weit über die Landesgrenzen hinaus einen Namen als Treffpunkt für Künstler gemacht – ein Ruf, an dem der Palais des Papes nicht ganz unbeteiligt ist.

Festival d'Avignon
Clip retraçant une semaine au coeur du festival d'Avignon

In den letzten drei Juli-Wochen findet jährlich das Festival d’Avignon statt. Während des Theater-, Tanz- und Gesangfestivals herrscht ein reges Treiben in der historischen Altstadt. In jeder Straßenecke führen Schauspieler und Künstler ihr Können auf. Ein besonderes Highlight sind natürlich die Aufführungen vor der imposanten Kulisse des Papstpalastes.


Verantwortlich für diesen Inhalt
Outdooractive Redaktion
outdooractive.com User
Autor
Cathrina Maria Beckers
Aktualisierung: 06.05.2019

Kommentare und Bewertungen

Kommentieren
 Kommentar
Du hast noch nichts ausgefüllt. Schreib' doch was nettes, lade Bilder hoch oder bewerte, was du siehst.
Limit erreicht! Bitte nicht mehr als 12 Bilder und 50 MB je Upload auswählen.
Veröffentlichen