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Banja, Blinis, Baikalsee: Urlaub am Ende der Welt

Reisebericht · Russland
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Die Räder rattern auf den Schienen. Der Waggon ruckelt. Bäume, Strommasten, kleine Dörfer fliegen an uns vorbei. Seit vier Tagen und drei Nächten sind wir unterwegs durch die sprichwörtliche Weite Sibiriens. Und die wird besonders greifbar, wenn man sie Kilometer für Kilometer mit dem Zug erobert. Wie so viele erfülle ich mir einen sibirischen Traum: mit der Transsibirischen Eisenbahn zum Baikalsee.

Anreise mit der Transsibirischen Eisenbahn

Der tiefste und älteste Süßwassersee der Erde liegt gut 5000 Kilometer und fünf Zeitzonen von unserem Startpunkt Moskau entfernt. Und obwohl in den Dörfern und Städten, die wir passieren, längst mehrere Stunden Zeitunterschied zu Moskau gelten, herrscht im Zug und auf den Bahnhöfen entlang der Strecke weiterhin „Moskau-Zeit”. Das ist für die Fahrt ganz praktisch, bringt aber mit sich, dass man nach vier Tagen Anreise mit Jetlag am Reiseziel ankommt, denn die Zeit im Zug und die außerhalb driften immer weiter auseinander.

Unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn

Ankunft am Baikalsee

Endlich erreichen wir Sljudjanka am Südwestufer des Baikalsees. Hier am Bahnhof wird uns zum ersten Mal der köstliche geräucherte Omul angeboten – eine Lachsart, die nur im Baikalsee vorkommt.

Ortschaft · Russland

Sljudjanka

Russland
Der Ort Sljudjanka liegt am Südufer des Baikalsees in der Verwaltungseinheit von Irkutsk.
von Wiebke Hillen,   Outdooractive Redaktion

Nach Omul und Bier riecht auch das Zugabteil, in dem wir am Ufer des Sees entlang weiter nach Port Baikal fahren. Die Bummelbahn hält in fast jedem Dorf an der Strecke, um Leute ein- und aussteigen zu lassen, aber auch um Lebensmittel, Haushaltswaren und Baumaterialien auszuladen. Die kleinen Dörfer sind teilweise nicht an das Straßennetz angeschlossen und nur mit dem Zug erreichbar.

Baikalsee

Urlaub auf der Insel Olchon

Am nächsten Tag geht es mit der gut ausgebuchten Fähre zu unserem eigentlichen Ziel: Olchon, die größte Insel im Baikalsee. Eine so genannte „Marschrutka“, ein mit Gardinen und Plüschsesseln ausgestatteter Kleinbus, bringt uns von der Anlagestelle im Süden über Sandpisten in die „Inselhauptstadt“ Chuschir.

Insel · Russland

Olchon / Olkhon

Russland
Größte Insel des Baikalsees
von Nadine Greiter,   Outdooractive Redaktion
See · Russland

Baikalsee

Russland
Tiefster und ältester Süßwassersee der Erde
von Nadine Greiter,   Outdooractive Redaktion

Chuschir – das sind einige hundert mit Schnitzereien verzierte Holzhäuser, dazwischen ausgefahrene, staubige Sandtrassen gesäumt von Strommasten. Wie in einem ostsibirischen Western reiten drei junge Männer vom Volk der Burjaten auf ihren Pferden durch die breiten, staubigen Straßen, springen ab und binden ihre Tiere vor dem kleinen Supermarkt im Ortszentrum an.

Trotz aller Abgeschiedenheit handelt es sich hier um das „touristische Zentrum“ der Insel. Das wird uns bewusst, als wir an einem der landestypischen Holzhäuser, das sich später als Touristinformation mit Souvenirladen herausstellt, ein Hinweisschild „Internetcafé in der Baikalstraße Nr. 18“ entdecken. Ebenso erstaunt sind wir über das Feriencamp am Rande von Chuschir, das für die nächsten Tage unser Basislager sein wird.

Olchon, Baikalsee

Nikita's Homestead inmitten von üppigem Grün

Das von Nikita Bentscharow, einem ehemaligen russischen Tischtennismeister, gegründete „Nikita’s Homestead“ hat nichts mit den Bungalow-Siedlungen anderer Feriendörfer gemein, sondern erinnert eher an ein Hippiecamp irgendwo in Goa.

Erholungsheim · Russland

Nikita's Homestead

von Wiebke Hillen,   Outdooractive Redaktion

Wie die anderen, meist internationalen Backpacker und Aussteiger übernachten wir in einer der liebevoll gestalteten Holzhütten mit selbstgebauten Möbeln und Patchworkdecken. Der Standard im „größten Tourismus-Unternehmen“ der Insel ist gering: Fließendes Wasser existiert nicht, eine Chemietoilette befindet sich auf dem Gang und die Duschen sind in kleinen Holzverschlägen untergebracht.

Im Speisesaal des Camps gibt es einfache, aber leckere Mahlzeiten aus regionalen Produkten. Ich freue mich über den Omul auf meinem Teller, aber auch die allmorgendlichen Blinis – Pfannkuchen – mit Marmelade haben es mir angetan. Die „Restaurantleiterin“, eine junge Tourismusstudentin aus Nowosibirsk, die im Sommer hier arbeitet, spricht neben Russisch auch Englisch und sogar etwas Deutsch.

Auch an der Rezeption gibt es kaum Sprachprobleme und wir organisieren mit Hilfe der freundlichen Mitarbeiter unsere Inselexpeditionen: Wer nicht an einem der geplanten Ausflüge teilnehmen möchte, mietet sich einfach ein Fahrrad, leiht sich ein Pferd, geht zu Fuß oder nimmt eine Marschrutka und erkundet die Insel auf eigene Faust. Die ist für die Vielfältigkeit ihrer Naturräume berühmt und gehört, wie die ganze Baikalregion, zum UNESCO-Weltnaturerbe.

Baikalsee-Landschaft

Ausflüge auf der Insel

Direkt vor der Haustür liegt das wohl meistfotografierte Motiv des Baikalsees in der Bucht von Chuschir: der Schamanenfelsen, eine heilige Stätte der hier ansässigen Burjaten. Da Olchon nur 72 Kilometer lang und im Schnitt zehn Kilometer breit ist, lassen sich auch die anderen Sehenswürdigkeiten mit dem Kleinbus in relativ kurzer Zeit erreichen.

Allerdings sind die Straßenverhältnisse abenteuerlich – die Sandpisten, auf denen wir fahren, ähneln zum Teil einer Motocross-Bahn. In der Banja, der typischen russischen Sauna, kann man sich von den Sightseeing-Strapazen des Tages erholen und beim abendlichen Lagerfeuer mit spontaner Livemusik Reisetipps und Erfahrungen mit den anderen Backpackern austauschen.

Schamanenfelsen

Als Geheimtipp gilt „Nikita’s Homestead“ längst nicht mehr, ist es doch mittlerweile auch im „Lonely Planet“ vertreten. Da sich die Anzahl der Baikalreisenden aber insgesamt immer noch in Grenzen hält, ist man hier vom Massentourismus noch weit entfernt. Wem das trotzdem zu viel Ferienlager und zu wenig Individualtourismus ist, der kann sich im Dorf nach einer Privatunterkunft umschauen.

Wehmütige Abreise

Gerne wäre ich noch länger in Nikitas kleinem Paradies auf der Insel Olchon geblieben, aber wir müssen zurück. Nach einer sechsstündigen Fahrt mit der Marschrutka und der Autofähre erreichen wir die Großstadt Irkutsk. Wir fahren nicht wieder mit der „Transsib“ zurück, sondern entscheiden uns für das schnellere Verkehrsmittel, den Flieger nach Moskau – Kulturschock inklusive.

Sonnenuntergang am Baikalsee

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Autor
Malin Frank
Aktualisierung: 06.04.2020

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