Unter dem Blätterdach uralter Buchen, vorbei an Klippen, Sandstränden und Weizenfeldern. Wohin wir auch schauen, tauchen sie auf: die orangefarbenen Wegzeichen für den Skåneleden, den berühmten Fernwanderweg durch den Süden Schwedens. Wir folgen ihnen zu den schönsten Orten.
Mehr als 1000 Kilometer – das schafft man nicht an einem Tag, auch nicht in einer Woche. Viele Menschen legen jedes Jahr einen Abschnitt des Weges zurück, ähnlich wie auf dem berühmten Pilgerweg nach Santiago de Compostela. Der Skåneleden ist in fünf mehrtägige Unterstrecken und 89 Abschnitte unterteilt. Jede Route hat ihren eigenen Zauber: Ein Teil führt durch winzige Fischerdörfer, ein anderer an steilen Klippen, leuchtend weißen Kirchen sowie verlassenen Stränden vorbei und durchquert schließlich fantastische Buchenwälder. Zum Übernachten gibt es unbegrenzte Möglichkeiten: im Zelt unter den Sternen oder in einem kleinen Hotel am Weg. Dank des Jedermannsrechts ist in Schweden sogar Wildcampen erlaubt.
Das berühmteste Megalithbauwerk der Welt ist Stonehenge in England, doch Schweden hat sein eigenes Stonehenge: eine Steinsetzung in der Nähe der Stadt Kåseberga hoch oben auf einer beeindruckenden Klippe.
Einen magischeren Ort als diesen werden wir am Skåneleden kaum finden. Ales Stenar, ein Langboot aus Stein. Das Monument stammt aus der Wikingerzeit, aber wer es warum errichtet hat, weiß man nicht. Es könnte sich um eine Begräbnisstätte handeln oder um ein Sonnenobservatorium. Vielleicht ist das Monument aber auch einfach ein normales Heiligtum.
Schloss Hovdala zeigt eindrucksvoll, dass Skåne bis 1658 dänisch war: Die Einschlaglöcher schwedischer Kanonenkugeln in der riesigen Tür des Torgebäudes sind noch heute zu sehen. Auf einem Rundgang bewundern wir Skånes Downton Abbey und lauschen den Geschichten über Eva und Elsa Ehrenborg, den beiden letzten Bewohnerinnen von Hovdala. Bis in die 1980er Jahre lebten die Schwestern in einem kleinen Teil des Schlosses. Vor den Fenstern erstreckt sich ein Park, in dem heute Stille herrscht. Aber das war nicht immer so: Bis lange nach dem 2. Weltkrieg befand sich hier ein Truppenübungsplatz. Wenn Eva und Elsa in ihren Schlafzimmern erwachten, rollten draußen Leopard-Panzer vorbei. Wir fühlen uns hier wie in einem postmodernen Märchen, aufgezeichnet von den Schwestern Eva und Elsa Grimm.
Hovdala ist auch bei Wanderern sehr beliebt. Mehrere Strecken beginnen am Schloss, so auch der Hovdalaleden. Im Sommer 2019 bekam Schweden zudem eine neue, nie dagewesene Übernachtungsmöglichkeit im Freien: zwei hölzerne Windschutzhütten, Birk und Birka. Sie liegen beim Wanderzentrum Hovdala mit einer großartigen Aussicht auf den See Finjansjön. Der Name des Übernachtungsplatzes sagt alles: vom Abend bis zum Morgen. In Birk oder Birka erwacht man mit der Sonne im Gesicht.
Von einem Land, das vor allem für seine tiefen, dunklen Wälder bekannt ist, erwartet man das vielleicht nicht, aber in der südlichsten Provinz Schwedens finden sich idyllische Strände. Die schwedische Riviera sozusagen. Wir haben für unseren Wanderurlaub auf dem Skåneleden also auch den Bikini eingepackt: Die Küste von Skåne ist 380 Kilometer lang und die Strände sind wirklich atemberaubend schön. Besonders gefällt uns der Strand von Knäbäckshusen beim Nationalpark Stenshuvud. Es duftet nach Kiefern, wir hören die Möwen. Also Wanderschuhe aus und rein ins Wasser – weißer wird der Sand nicht mehr!
Am Strand steht eine verlassene Fischerhütte, daneben mehrere Gestelle, wo die Fischer ihre Netze trocknen. Wenn es regnet, findet man hier Zuflucht und kann eine Nachricht im Gästebuch hinterlassen. „Der nächste Tag im Paradies“, steht da. Aber es regnet nicht und wird auch nicht so bald regnen. Der Himmel verspricht uns einen wunderschönen Tag.
Haväng ist am Morgen, etwa eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang, besonders schön. Dann ist die Heide noch unberührt und der Horizont verwandelt sich langsam in ein Gemälde von Mark Rothko. Wir wandern zwischen Schafen, Blatthornkäfern und Perlmuttfaltern. Ich trete fast auf eine Stranddistel, weil ich mich von einer Gruppe Schwäne ablenken lasse, die dicht über der Wasseroberfläche fliegt. Als wir an Havängdösen vorbeikommen – einem 5500 Jahre alten Megalithgrab und dem kleineren Verwandten von Ales Stenar – flüstern wir automatisch. Aber das Beste kommt noch: Das Spiegelbild von Baumwurzeln im Fluss Verkeå, der in die Ostsee mündet, die Sonnenstrahlen darüber – fast unbemerkt hat der Tag begonnen.
Den Vergleich mit dem Hexenhaus aus „Hänsel und Gretel“ haben bestimmt schon viele Leute angestellt, die nach Knäbäckshusen nördlich von Stenshuvud kamen. Wir sehen weiß gekalkte Holzhäuser mit Reetdächern und makellos blau und rot gestrichene Fensterläden. Dieses von Stockrosen umgebene Paradies hat nur eine Straße – eine unbefestigte Piste, die zur Hanöbukten führt, der Bucht, wo sich die beiden südlichen Provinzen Schwedens treffen: Blekinge und Skåne. Kurz vor dem Strand steht eine kleine Kapelle. Viele Paare heiraten in Knäbäckshusen und – wie es sich im Märchen gehört – leben glücklich bis an ihr Ende.
Stenshuvud – Steinkopf – überragt das Meer um 97 Meter. Der Anstieg ist nicht besonders steil, aber der Lohn dafür ist ein großartiger Panoramablick über die Ostsee und die grünen Hainbuchen, die den Nationalpark Stenshuvud bedecken.
Dieses Gebiet, nicht weit südlich von Kivik, wurde 1986 zum Nationalpark erklärt. Ein Park mit (nach schwedischen Maßstäben) breiten Sandstränden, einem Leuchtturm, gelegentlich bemoosten Felsen, Flüssen, Heide, Kiefern und uralten Buchen. Das Symbol des Parks ist die Haselmaus, die ebenfalls hier lebt. Diese Oase lockt jedes Jahr tausende Besucher an. Wir brechen für unsere Wanderung auf dem Skåneleden, der von Kivik im Norden bis Simrishamn im Süden direkt durch den Park führt, also früh auf.
Natürlich führt uns unsere Wanderreise auch in den Naturpark Kullaberg, auf einen der schönsten Abschnitte des Skåneledens. Die Halbinsel im Nordwesten von Skåne liegt an der höchsten Stelle 78,5 Meter über dem Meer und der Leuchtturm zeichnet sich mit dem hellsten Licht in Schweden aus.
Wir besichtigen einige der Höhlen und schauen den Wagemutigen zu, die sich von den Klippen abseilen.
Die Halbinsel Kullaberg ist ein einziger Adrenalinstoß. Für eine Wanderpause bieten sich Mountainbike-Strecken sowie Gelegenheiten zum Surfen an. Wir begeben uns in ein Boot und versuchen, Tümmler zu entdecken.
Am Ende unserer Reise besuchen wir das Slow Hotel Nyrups Naturhotel und schalten einfach mal ab. Hier geht alles langsamer. Schon allein das Kochen im Freien dauert mehrere Stunden. Gemeinsam mit den anderen Gästen beschaffen wir die Zutaten für das Rezept des Tages. Gemeinsam bringen wir das Feuer in Gang und beginnen in Zusammenarbeit das Garen eines Stücks Lamm und später das Schmelzen weißer Schokolade.
Wir ziehen warme Socken an, schauen den Flammen zu und philosophieren über das Leben. Wir schlafen in einem runden Zelt nach der Art der mongolischen Jurten und werden am Morgen von der Sonne geweckt. Der Wald ringsum erwacht ebenfalls: Ein Zweig knackt, eine Eule ruft. Wir machen einen kurzen Spaziergang zum See und nehmen ein schnelles, erfrischendes Bad. Ausgeruht starten wir in den nächsten Tag auf dem Skåneleden – ein Traumziel.
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