„Brauchts koa Angst ned hom, des wird scho no wärmer”, sagt unser Bergführer in seinem bayerischen Akzent. „Manch oanem vielleicht sogar vui z'warm“, fügt er mit einem Grinsen hinzu. Und obwohl das Thermometer am Watzmannhaus um sieben Uhr morgens keine zehn Grad anzeigt, glaube ich ihm. Zum einen, weil bereits jetzt schon zu erkennen ist, dass es ein heißer Sommertag wird und zum anderen, weil ich weiß, was noch vor uns liegt – die Überschreitung des Watzmanns.
Mit 2713 m ist er zwar nicht der höchste Berg Deutschlands, aber einer der schönsten. Eine Silhouette, die sich nur schwer in Worte fassen lässt: rechts die Pyramide mit der angeknabberten Spitze, die auf einem breiten Sockel steht. Links das Kar, das eine tiefe Lücke zwischen den Großen und Kleinen Watzmann reißt und in der ein paar spitze Zacken vorwitzig in den Himmel ragen. Man nennt sie die Watzmannkinder.
Doch das geschulte Auge des erfahrenen Wanderers – und geschult sollte man für diese Tour definitiv sein – erkennt allein beim Anblick des Berges die Herausforderungen der Watzmannüberschreitung. Es gilt nämlich nicht nur einen, sondern insgesamt drei Gipfel zu überwinden. Vom Hocheck auf 2651 m geht es runter, dann wieder hoch zur 2713 m hohen Mittelspitze, und dann – reine Schikane der Natur – nochmals dasselbe: wieder runter und rauf zur Südspitze, 2712 m hoch. Nicht nur einmal habe ich mir gewünscht, dass doch endlich der letzte Aufstieg vor mir liegt.
Von unserem Startpunkt aus, dem Watzmannhaus, benötigt ein durchschnittlich trainierter Wanderer rund drei Stunden zum Einstieg der Überschreitung. Doch körperliche Stärke ist bei Weitem nicht alles, was man hier braucht. Schwindelfreiheit gehört mit Sicherheit ebenfalls dazu. Denn anders übersteht man die nicht nur sprichwörtliche Gratwanderung mit dem Watzmannkar auf der einen und dem Wimbachgries auf der anderen Seite wohl kaum. Über weite Strecken ist der Grat mit einem Drahtseil gesichert, jedoch gibt es auch immer wieder ungesicherte Stellen.
Der Klettersteig stellt noch kein großes Problem dar. Mit dem schnappenden Geräusch des Karabiners geht es gemütlich von einer Abteilung in die nächste. Was dem Steig an Schwierigkeit fehlt, macht er durch steil abfallende Flanken wieder gut. Unsichere Blicke werden von unserem Bergführer mit einem einfachen „do is scho ewig koaner mehr obi gfoin“ quittiert. Wenn das mal nicht motiviert.
Es erscheint fast wie ein schlechter Scherz, dass gerade die „schlimmsten“ Stellen ungesichert sind. Dort steigt der Grat an und verjüngt sich. Am Anfang ist er so breit wie ein Gehweg, am Ende so schmal wie eine Hüfte. Doch wenn man bereits so weit gekommen ist, beißt man in den sauren Apfel und kämpft sich den schmalen Grat entlang.
Und so stehe auch ich gegen zwölf Uhr am Gipfelkreuz auf der Südseite. Ein Blick nach hinten offenbart die blanken Felsen des Steinernen Meers. Der Blick nach vorne hingegen einen langen und zähen Abstieg. Knapp vier Stunden benötigt man für den Abstieg, der mal über Schotter und mal über Fels führt. Doch hat man es geschafft, werden die Strapazen belohnt. Man gelangt ins Wimbachgries – eine einmalige Landschaft. Man wähnt sich nicht mehr in Deutschland, eher in Kanada. Bergbäche haben ein Schotterbett geformt, breiter als 100 m. Aus dem Geröll wachsen Bergkiefern und bleiche Felszacken erinnern an die spektakulärsten Gipfel der Rocky Mountains.
Knapp zwei Stunden Fußmarsch hat man Zeit, die Landschaft zu genießen, auch wenn manch einer dafür nun zu müde ist. So geht es auch mir, als ich endlich, nach rund zehn Stunden, das Naturfreundehaus erreicht habe. Dort will ich nur noch sitzen, mein Weizenbier genießen und die einmalige Silhouette des Berges bestaunen, den ich aus eigener Kraft überschritten habe.
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Antonie Schmid