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Reportage Wo aus Freestyle Flow wird

  • Autor: Lisa Kügel, Quelle: outdooractive Redaktion

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07.08.2012 Reportage
Bunter Hund, Vordenker, Freestyler: Vor zehn Jahren gründete August Poltera das erste Hostel in Laax.  Heute ist das  Backpacker Deluxe Hotel Capricorn nicht nur eine Unterkunft für Rucksackreisende, sondern auch ein Treffpunkt für Freeridefreaks und solche, die es werden wollen. Ein Besuch bei Guschti Poltera, der mit seiner Vision ein Stück Schweizer Hostelgeschichte geschrieben hat.

Radeln heißt pedalen

Radeln heißt pedalen
Autor: Lisa Kügel
Den Bus haben Guschti und seine Begleiterin, Maria aus Deutschland, knapp verpasst. Von Laax-Cons pedalen, wie man hier sagt, die beiden nun eben auf dem Gehweg in Richtung Flims. Den prüfenden Blick des Straßenarbeiters nimmt Guschti aus dem Augenwinkel wahr. Wohlwollend. Mit den Bikes ist es wie mit Motorrädern. Marke, Modell, Ausstattung, moderner, teurer, besser – man definiert sich über sein Fahrrad, man stellt sich dar. Der Mann kann nicht wissen, dass er in diesem Fall nur verlieren kann. Er ahnt nicht, was die Leute in Flims und Laax über Guschti Poltera sagen: Im Winter fährt er die breitesten Ski und im Sommer die breitesten Reifen. Jeder kennt ihn hier, er ist der bunte Hund.
Im Schlepptau hat er eine junge Touristin. August „Guschti“ Poltera wirft ein freundliches Lächeln über die Schulter, dann setzt er sein Bike mit einem Tritt in die Pedale in Bewegung und rollt vom Hof des Hotel Capricorn. Es ist später Nachmittag, der Asphalt duftet nach Sommer, das Tagesgeschäft kann ruhen. Jetzt geht es raus, biken.

Northshore statt Halfpipe

Maria steht heute ihre erste Lektion im Freeriden bevor und ihre Fingerspitzen kribbeln, wenn sie an die Abfahrt mit dem Mountainbike denkt. An die Steilkurven, die Hindernisse, Northshore-Elemente. Immerhin – wer wird schon von einem Local bei seinen ersten Schritten im Bikepark angeleitet? Flims, Laax und Falera kennt die Deutsche bisher nur aus dem Winterurlaub. Da pilgern Freeride-Fans aus aller Welt zu Europas größter Halfpipe. Im Winter rocken sie den Powder, im Sommer aber die Trails. Statt tonnenweise Schnee zu Monsterkickern zu formen, tüfteln die Einheimischen an neuen Hindernissen für Freeride- und Endurokurse.

Noch viel zu tun

Wenn es nach Guschti geht, gibt es allerdings noch viel zu tun. Es fehlen Traversen zwischen den Trails und ausgewiesene Abfahrten in die anderen Talorte. Bei einer seiner letzten Touren hätte ihn ein erboster Bauer fast vom Rad geholt. Die Absprache mit den Landwirten fehlt. Dabei ist es genau das, was Poltera so schätzt: Direkt vor seinem Haus zu starten. Sich auf der Suche nach fahrbarem Gelände ins Tal zu stürzen. Sprünge immer wieder zu üben und schließlich hinter dem Capricorn wieder aufzutauchen in den Alltag.

Runca Trail

Runca Trail
Autor: Lisa Kügel
Trotz der schattenspendenden Bäume haben sich kleine Tröpfchen auf der Stirn der beiden Biker gebildet. Werktags, in der Nebensaison, fällt der Lift als Transportmittel weg, Maria und Guschti haben den Weg zum ihrem Einstieg in den untersten Abschnitt des Runca-Trails aus eigener Kraft gemacht. Ganz nach oben, zum offiziellen Start bei der Liftstation Naraus, geht es für Maria heute sowieso noch nicht. Sie soll zuerst ein Gefühl für die Bewegungen bekommen, Mut und Fähigkeiten unter Beweis stellen. Ein Eignungstest sozusagen. An einem Rastplatz im unteren Abschnitt des  Runca-Trails  legt die Freeride-Aspirantin Ellenbogen-, Knie- und Schienbeinprotektoren an, zwängt ihren Kopf in den Integralhelm. Es kann losgehen. Ob der Fahrtwind Kühlung verschafft?

Das Diagramm

Das Diagramm
Autor: Lisa Kügel
Mit Blick auf den abfallenden Pfad und steigender Nervosität denkt Maria an Guschtis Erklärung vom Vortag. Sie hatte ihn vorgewarnt, war sich unsicher, ob die Angst vor der Abfahrt nicht größer als die Neugier sein würde. Auf ein Stück Papier zeichnete der Hostel-Wirt da das Flow-Diagramm. Das Modell zeigt wachsende Fähigkeiten auf der x- und steigende Anforderungen auf der y-Achse. Überwiegen die Fähigkeiten, entsteht Langeweile, sind die Anforderungen zu hoch, Überforderung. Der schmale Grat dazwischen, wenn Fähigkeiten und Anforderungen sich gegenseitig aufwiegen, ist der Flow. Ein Glücksgefühl. Langandauernde und nachhaltig nutzbare

Harmonie.

Backpacker im Capricorn

Das Glider’s Paradise in Flims war das erste Hostel von Guschti Poltera, dem Arbeitersohn (Nutzfahrzeugbranche) aus Chur. Nach längeren Reisen und maßgeblicher Beteiligung an der Organisation des Züricher freestyle.ch, das heute zu einem Megaevent der Freestyle-Szene gewachsen ist, setzte er alles daran, eine Geschäftsidee umzusetzen. Eine Idee, an die Guschti Poltera die Hoffnung knüpfte, eine eigene Existenzgrundlage aufbauen zu können und seine Ideale in die Tat umzusetzen. Er hatte den richtigen Riecher. In einer ehemaligen Unterkunft für Asylbewerber verwirklichte er mit seiner Unterkunft für Backpacker etwas, das man bis dahin nur aus Neuseeland kannte. Mountainbiken spielte noch keine Rolle im Tourismus, Flims und Laax als Snowboarddestinationen boomten. Nach drei ruhigen Sommern und drei hektischen Wintern im Glider’s sowie einem abgebrochenen Psychologie-Studium kam die Gelegenheit zur Expansion. 2002 kaufte Poltera das Hotel Capricorn in Laax-Cons – und ist heute die erste Adresse für Reisende im Low-Budget-Bereich. Marketing ist nahezu unnötig, Mundpropaganda, persönliche Kontakte und Empfehlungen aus der Szene reichen aus, um genügend Gäste in das Hostel zu holen. Guschti ist zufrieden mit dem, was er geschaffen hat. Er macht Pläne für den Ruhestand. Bienen wären super.

Zweites Zuhause

Marco ist Dreadlock-Friseur und Biologe an der Uni Zürich. Diesen Sommer verbringt er mit Forschungsarbeiten rund um Laax, das Capricorn dient dabei als zweites Zuhause. Im Juni ist sonst nicht viel los im Hostel. Die anderen Gäste, junge Familien oder Backpacker, bleiben meist nur ein oder zwei Nächte, manchmal sind Marco und seine Kollegin im großen Aufenthaltsraum allein mit ihren Untersuchungsergebnissen. Als Langzeitgast mit Sympathie-Bonus genießt er Sonderkonditionen. Küchenbenutzung, ein Platz im Kühlschrank. Mit dem Wirt rauchend und redend den Feierabend verbringen. Auf die Halbpension müssen die Biologen aber verzichten. Kochen für zwei Gäste, das lohnt sich nicht.

Aus der Region

Ganz nach Polteras Prinzipien sind das Frühstücksbuffet sowie die Gerichte des Abendessens rein vegetarisch. Die Zutaten kommen, soweit möglich, aus der Region, die Rezepte aus der ganzen Welt. Aus der Küche hallen monotone, treibende Jungle-Beats. Sie ist seit sechs Jahren das Reich von Atreju. Der junge Mann aus Laax hat das Kochen erst bei Guschti gelernt. Jetzt im Sommer, wenn die Küche abends geschlossen bleibt, kümmern Chef und Angestellter sich nach der morgendlichen Lagebesprechung am Tresen der Caprilounge um Renovierungsarbeiten am Haus. So sehr Poltera sich auch auf Saisonhelfer wie die kleine Spanierin freut, so sehr schätzt und unterstützt er gute Leute aus der Region. "Ich hatte echt Glück, dass ich das Capricorn gefunden hab!", sagt Atreju. Ohne diese Chance würde er während der Sommermonate in Zürich arbeiten, wie die meisten Gleichaltrigen aus dem Dorf.

Es flowt?

Dumpf dringt das Knirschen der Erde ins Innere des Helms. Marias Blick konzentriert sich auf die Linie, die das Bike vor ihr in den harten Boden zeichnet. In der Linkskurve rechtes Pedal nach unten, in der Rechtskurve umtreten. Viel mehr Anweisungen gab es nicht. Nur: Folge meiner Spur, dann fährst du die Kurven richtig an. Dann rutscht du nicht weg und kommst gut wieder raus. Vertrauen schlägt Skepsis, die Protektoren erhöhen das Gefühl von Sicherheit. Mit Schwung gleitet Maria in die nächste Kurve, dynamisch, fast von selbst wieder hinaus. Die obere Kante gibt die Fahrtrichtung vor. Alles läuft. Flowt? Daran denkt jetzt keiner. Guschti lässt sein Bike schneller rollen, nimmt Steine und Wurzeln als Sprungbretter mit, die Maria lieber umfährt. Nach einem kurzen Stopp kommen die Northshore-Elemente, erhöhte Holzkonstruktionen, die zum Teil auch nach rechts oder links geneigt sind. Rollercoaster nennt man das dann. Die Bretter rattern laut unter den tief profilierten Reifen, Marias Konzentration gilt einzig dem Steg vor ihr. Dass es rechts und links hinunter geht, spielt keine Rolle. Und dann hat sie wieder festen Boden unter den Reifen. Guschti erwartet sie grinsend, legt dann den Arm um ihre Schultern und drückt sie anerkennend. Ist doch super gelaufen, bist ein Naturtalent!

Es flowt!

Die Luft ist immer noch drückend heiß, die Bedenken aber hat der Fahrtwind weggeblasen. Auf dem Weg zurück grinsen sich die Biker häufiger an. Vom Bauch aus durchflutet ein Glücksgefühl ihren Körper, die Abendsonne zaubert einen gelben Schimmer auf die umliegenden Berge. Maria überlegt, wann sie zurückkommen kann. Der Flow hat sie voll erwischt.

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