Boßeln – eine norddeutsche Sportart
Manch einer behauptet: Wandern in Norddeutschland, vor allem in den Küstenregionen, sei langweilig. Das Gelände ist flach, die Wälder sind licht und auf den schier endlosen Wiesen fristet diverses Viehzeug ein eher langweiliges Dasein. Noch trostloser wird die Szenerie während der kalten Jahreszeit. Es ist bitterkalt, der Wind pfeift ungebremst über die weite, karge Landschaft und an Schnee ist selten zu denken. Man muss schon dafür geboren sein, um unter diesen Bedingungen dem schnöden Geradeaus-Laufen etwas abgewinnen zu können. Doch die Norddeutschen sind findig.
Sie haben vor langer Zeit das Boßeln für sich entdeckt – eine Sportart, die den langweiligen Sonntagsspaziergang in trister Umgebung zum wahren Erlebnis werden lässt.
Die Regeln sind denkbar einfach: Man bildet zwei Mannschaften und wirft abwechselnd jeweils eine faustgroße Kugel, Kloot genannt, die Straße entlang. Dort, wo die Kugel liegen bleibt, wird das Spiel fortgesetzt und der nächste Werfer schleudert den Kloot weiter. Die Gesamtstreckenlänge beträgt meist um die acht Kilometer. Gewonnen hat die Mannschaft, die mit weniger Würfen die Boßelstrecke überwindet. Was die Wurftechnik betrifft, so gibt es keine strikten Vorgaben. Normalerweise laufen die Werfer an, drehen sich um 360 Grad und schleudern die Kugel schwungvoll von sich. Wichtig dabei ist, möglichst gerade zu werfen und so die Kugel auf der Straße zu halten. Dann kann der Boßel, nachdem er aufgeschlagen ist, gut noch einige Meter weiter rollen und verschwindet nicht im Graben, wo er unweigerlich gebremst wird.
Erde, Flint, Eisen, Holz - die Materialien für die Wurfgeschosse sind vielfältig
Der Begriff „Kloot“ stammt aus dem niederdeutschen Sprachgebrauch und heißt „Kluten“, was soviel wie Erdklumpen bedeutet. Das heißt: Früher wurde mit Erde geworfen. Man hatte ja sonst nichts. Später benutzte man Flintkugeln oder zwei Pfund schwere Eisenkugeln, ehe man begann, den Boßel aus Pockholz herzustellen. Es hat eine höhere Dichte, ist demnach schwer und geht in Wasser unter. In der Weiterentwicklung wurden Löcher in die faustgroßen Holzkugeln gebohrt, die anschließend mit Blei ausgegossen wurden. Heute gibt es auch Kloote, die aus Gummi oder anderen synthetischen Materialien gefertigt sind.
Gerade weil die Boßelkugeln nicht auf Wasser schwimmen, eignet sich der Winter und Beginn des Frühlings besonders gut, um den Sport auszuüben, da in dieser Zeit die Gräben zugefroren sind, die sich in Norddeutschland meist entlang der Boßelstrecken befinden. Sind die Gräben einmal eisfrei und die Kugel rollt hinein, kommt der so genannte Klootsoeker (Kugelsucher), der auch als Kraber bezeichnet wird, zum Einsatz – eine Stange, an deren Ende ein Eisenkorb befestigt ist, mit der dann nach der Boßelkugel gefischt wird. Man kann natürlich auch im Sommer boßeln, traditionell ist es jedoch eine Wintersportart.
Boßeln, Klootschießen, Kloatscheeten - sehr ähnlich, aber nicht dasselbe
Dem Boßeln recht ähnlich sind das Klootschießen und das Kloatscheeten. Das Klootschießen ist vermutlich noch älter als das Boßeln und man unterscheidet zwei Varianten des Sports: den Standkampf und den Feldkampf. Beim Standkampf versucht der Werfer, den Kloot mit einem Wurf möglichst weit zu werfen. Insgesamt hat man drei Versuche und die geworfenen Meter werden addiert. Man kann sowohl aus dem Stand als auch mit Anlauf werfen. Wie bei anderen Wurfsportdisziplinen ist das Feld nach links und rechts begrenzt. Trifft der Kloot außerhalb der Begrenzung auf, ist der Wurf ungültig. Beim Feldkampf gelten ähnliche Regeln wie beim Boßeln, nur dass die Wettkampfstrecke auch direkt querfeldein über die Wiesen verlaufen kann. Das Kloatscheeten weicht insofern vom Boßeln und Klootschießen ab, dass es mit einer etwa 400 Gramm schweren, 40 bis 45 Millimeter dicken, etwa handtellergroßen runden Holzscheibe mit Bleikern gespielt wird. Zwar geht es ebenfalls darum, über Straßen und Feldwege die Scheibe möglichst weit zu werfen bzw. zu rollen, gewonnen hat am Ende jedoch die Mannschaft, die nach einem Durchgang – also, nachdem jeder Werfer einmal dran war – eine weitere Strecke zurückgelegt hat.
In all diesen Sportarten werden auch Wettkämpfe ausgetragen und es finden sogar Europameisterschaften statt. Doch wer jetzt denkt, dass die Norddeutschen das Ganze stets verbissen und ehrgeizig betreiben, der liegt falsch. Boßeln ist ein geselliger Sport, bei dem man sich in großer Runde draußen an der frischen Luft zur gemeinsamen körperlichen Betätigung trifft. Die Kälte wird durch Bewegung und auch mal mit Schnaps bekämpft, den man, so will es der Brauch, an den Straßenkreuzungen zu sich nimmt. Nachdem der Sieger ermittelt ist, begibt man sich meist noch in eine urige Dorfgaststätte und lässt bei reichlich Bier und einem landestypischen Gericht wie dem Grünkohl den Tag ausklingen.
Mehr Informationen über norddeutsche und friesische Sportarten findet Ihr unter www.friesensport.de.
Hier könnt Ihr Euch einige Würfe anschauen:

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