Rorschacher Badhütte
Die Atmosphäre ist wirklich einmalig. Seit 1925 steht die Rorschacher Badhütte im See auf 74 Beton- und Holzpfeilern, durch einen 25 Meter langen Steg mit dem Ufer verbunden. Gebaut damals auch aus hygienischen Gründen als öffentliches Badezimmer sozusagen, weil in den Wohnhäusern kaum sanitäre Anlagen vorhanden waren. Das ist heute zwar anders, doch die Badehütte hat sich seitdem kaum verändert. Sie besteht aus zwei großen Holzhäusern mit Umkleidekabinen, Liegeflächen, Innenbecken mit absenkbarem Boden für den Schwimmunterricht, Restaurant-Terrasse, und Küche. Früher strikt nach Männlein und Weiblein getrennt, stehen seit 1966 beide Teile allen Badegästen zur Verfügung. Nur bei den Sammelumkleidekabinen gilt auch heute noch: rechts die Frauen, links die Männer. Es ist eine Herzensangelegenheit von Marialuisa Togni, dass der ursprüngliche Charakter der Badhütte, die unter Denkmalschutz steht, erhalten bleibt. Muss etwas erneuert werden, dann soll es ihrer Meinung nach genauso aussehen wie das Original. So hat ihr Mann zum Beispiel zu Bruch gegangene Spiegel in den Einzelkabinen durch selbst gefertigte, identisch aussehende neue ersetzt. Voller Stolz lädt die Bademeisterin Neulinge zum Rundgang ein undmacht auf jedes Detail aufmerksam: „Sehen Sie die Duschköpfe, die sind noch original, funktionieren aber einwandfrei”. Was ihr an ihrem Badi besonders gefällt, sind die Gäste und ihre Suche nach Ruhe. „Hier gibt es kein Schaulaufen. Jeder ist so, wie er ist, egal ob dick oder dünn, jung oder alt, schön oder hässlich.” Marialuisa Togni und die Rorschacher Badhütte – das war Liebe auf den ersten Blick. Die Tessinerin und ehemalige Dolmetscherin hat in London ihren Mann kennengelernt. Der ist Rorschacher und wollte seiner Frau seine Heimat zeigen. Ihr Interesse galt sofort der Badhütte und ihr Entschluss stand fest: „Wenn ich hierher ziehe,will ich in diesem Haus wohnen”. Das hat dann zwar noch etliche Jahre gedauert, denn erst im Jahr 2000 wurde die damals 52-Jährige Bademeisterin der Badhütte und sie wohnt dort auch nicht, hat aber immerhin ein Zimmer, in dem sie ab und zu übernachtet. Zum Schlafen kommt sie während der Sommermonate aber nicht viel. Bereits um sechs Uhr öffnet sie das Badi,damit die Abokarten-Besitzer vor der Arbeit schwimmen gehen können. Auch sie dreht jeden Morgen eine Runde im See, bevor sie um acht Uhr dann für alle aufschließt. Nachdem Einkaufen beginnt sie mit den Vorbereitungen fürs Mittagessen, das es nicht nur für Badegäste gibt. Anschließend löst Marialuisa Togni ihren Bademeister ab, gibt Schwimmunterricht, macht die Kasse oder bedient im Restaurant. Unterstützt wird sie dabei von sechs auf Abruf bereitstehenden Kräften. Und der eigenen Familie. „Ohne deren Mithilfe geht gar nichts”, erzählt sie. Um 20 Uhr schließt das Badi, und Marialuisa Togni beginnt zu putzen. Das Restaurant allerdings bleibt noch geöffnet. Und wenn dann endlich Ruhe eingekehrt ist, springt sie noch einmal in den See. Egal, ob es eine laue Sommernacht ist oder kalt und regnerisch. Die passionierte Schwimmerin steigt jeden Tag ins Wasser, 365 Mal im Jahr. Im Winter zieht sie eben Wollsocken an, damit sie auf den vereisten Eisentreppen nicht festfriert. „Schwimmen war schon immer mein Sport. Mit mir kann man nirgendwo hingehen, wo ich nicht schwimmen kann”, erklärt die Bademeisterin. Am Bodensee hat sie schließlich ihr ideales Revier gefunden. Und so erscheint es nur logisch, dass sie bereits dreimal den See durchschwommen hat. Einfach so, oder um Spenden für die Badhütte zu sammeln. Denn der Erhalt der historischen Badeanstalt liegt ihr arg am Herzen. Dafür hat sie auch schon demonstriert.
Autor
schwaebische.de | veröffentlicht: 24.06.2011 | geändert: 12.09.11